Text Andacht                     

 Andacht zum Karfreitag am 10.4.2020

Liebe Gemeinde zuhause!

Ist es nicht so: Gerade in diesen Tagen möchte man so gerne etwas Positives hören!

Ich denke an einen Bericht in den Nachrichten letzte Woche: Eine geheilte COVID 19 - Patientin verlässt die Intensivstation. Sie hat es überstanden und das Personal verabschiedet sie mit Applaus und Tränen in den Augen. Es sind Tränen der Freude und Erleichterung. Ach, wenn es doch bald für alle wieder leichter würde! Ich wünsche mir noch mehr solche Geschichten! Mit einem guten Ausgang!

Heute aber ist Karfreitag. Das Wort „Kara“ ist althochdeutsch und bedeutet „Klage“. Es ist ein Tag des Klagens in der ganzen Christenheit. Wir erinnern uns an die Kreuzigung und das Sterben Jesu Christi. Das Gedenken erfordert Mut, denn die Geschichte, die wir hören, geht am Ende des Tages ganz und gar schlimm aus. Als Jesus an Kreuz gehängt wird, gibt es auch Applaus, aber nur höhnischen von seinen Feinden - Und bittere Tränen derer, die ihm nahestehen.

Hören Sie einen Abschnitt aus dem Markusevangelium, Kapitel 15, die Verse 20 bis 34. Ich lese aus der Neuen Genfer Übersetzung.

„20b Dann führten sie ihn zur Stadt hinaus, um ihn zu kreuzigen.
21 Unterwegs begegnete ihnen ein Mann, der gerade vom Feld kam, ein gewisser Simon aus Zyrene, der Vater von Alexander und Rufus. Den zwangen die Soldaten, Jesus das Kreuz zu tragen.
22 So brachten sie Jesus bis zu der Stelle, die Golgata heißt. Das bedeutet »Schädelstätte«.
23 Dort wollte man ihm Wein zu trinken geben, der mit Myrrhe vermischt war; doch er nahm ihn nicht.
24 Dann kreuzigten die Soldaten Jesus. Seine Kleider verteilten sie unter sich; sie losten aus, was jeder bekommen sollte.
25 Es war neun Uhr morgens, als man ihn kreuzigte.
26 Eine am Kreuz angebrachte Aufschrift gab den Grund für seine Verurteilung an; sie lautete: »Der König der Juden.«
27 Zusammen mit Jesus kreuzigte man zwei Verbrecher, einen rechts und einen links von ihm.
29 Die Leute, die vorübergingen, schüttelten den Kopf und riefen höhnisch: »Ha! Du wolltest doch den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen!
30 Hilf dir selbst und steig herab vom Kreuz!«
31 Ebenso machten sich die führenden Priester und die Schriftgelehrten über ihn lustig. »Anderen hat er geholfen, aber sich selbst kann er nicht helfen«, sagten sie spöttisch einer zum anderen.
32 »Der Messias ´will er sein`, der König von Israel! Soll er doch jetzt vom Kreuz herabsteigen! Wenn wir das sehen, werden wir an ihn glauben.« Auch die Männer, die mit ihm gekreuzigt worden waren, beschimpften ihn.
33 Um zwölf Uhr mittags brach über das ganze Land eine Finsternis herein, die bis drei Uhr nachmittags andauerte.
34 Um drei Uhr schrie Jesus laut: »Eloi, Eloi, lema sabachtani?« Das bedeutet: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

Dies, liebe Gemeinde, sind die letzten Worte, die Jesus sagt. Wenig später ist er tot. - Was kann es für uns bedeuten, dass Jesus am Kreuz das Gefühl der tiefsten Verlassenheit ausspricht, ja hinausschreit? Heißt das etwa: Gott hat ihn aufgegeben und kümmert sich nicht mehr?

Zunächst einmal bedeutet es, dass Jesus dieses tiefste Leid durchlebt hat. Jesus, Gott so nah, wie kein anderer, sodass man von ihm sagt: „Er ist Gottes Sohn. In ihm ist Gott! Beide sind untrennbar verbunden.“ Jetzt erlebt er die absolute Verlorenheit. Der jüdische Gelehrte Martin Buber hat diesen Zustand ‚Gottesfinsternis‘ genannt.

Kein Mensch will da hineingeraten – und doch geschieht es. Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten erleben das:  Im Krieg, in Krankheit, beim Tod eines Kindes, auf der Flucht, in einer Depression.

Selbst Jesus macht das durch - und das ermöglicht vielleicht einen anderen Blick auf sein Sterben am Kreuz, über den Schrecken hinaus: Nämlich mit der Erkenntnis: Du Jesus, leidest ja wie ich. Du, der Gottessohn, bist nicht auf der sicheren Seite geblieben, sondern weißt, was es heißt, ganz am Ende zu sein.

Wichtig ist auch: Es sind nicht irgendwelche Worte, die Jesus am Kreuz sagt. Es ist ein Gebet der Bibel, der 22. Psalm. Wie kein anderes Gebet spricht dieser Psalm die Erfahrung aus, die Menschen aller Zeiten an allen Orten machen:  Dass sie keine Antwort bekommen: „Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.“ (Vers 3) –

Gott bleibt stumm, er lässt keinen Blitz aus den Wolken herabfahren, der die römischen Soldaten tötet; Jesus steigt nicht vom Kreuz herab um von seinen Freundinnen und Freunden mit Applaus begrüßt zu werden.

Dasselbe geschieht auch heute: In Kriegsgebieten in Syrien und anderswo geht das Zerstörungswerk weiter; weiterhin sterben Menschen an Corona, wenn sich die Kurve auch abflacht.

Der Glaube an Christus bewirkt nicht, dass man gegen solches Leid gefeit ist. Was er uns aber geben KANN, ist, dass wir uns auch in den dunkelsten Stunden mit Jesus verbunden fühlen können. Und so, wie er unsere Hilflosigkeit teilt, gibt er uns ab von seinem Vertrauen.

Denn es ist nicht nur Verzweiflung, es ist Vertrauen, dass ihn auch in der Gottverlassenheit noch nach Gott rufen lässt. Der 22. Psalm erinnert auch an frühere Erfahrungen von Rettung, und sein letzter Satz lautet: „Aber du, Herr, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen!“

Jesus vertraut gegen alle unmittelbare Erfahrung. Er ruft ins Dunkel hinein. Nichts lässt ihn Gottes Gegenwart spüren, und doch vertraut er darauf, dass Gott da ist, um seine Klage zu hören.

Ich denke, wenn er es am Kreuz so gemacht hat, dann können wir es auch tun, im Blick auf die Kreuze, die wir und andere heute tragen.

Rufen, klagen, beten und gegen den Augenschein vertrauen, dass Gott uns hört. Diesen Weg weist Jesus uns heute. Amen.

 

Gebet:

Vielleicht mögen Sie selbst die Bibel aufschlagen und den 22. Psalm als Karfreitagsgebet mitsprechen, Anteil nehmen an dem Schmerz und dem Vertrauen, die beide darin ausgesprochen sind.

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,

und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

Unsere Väter und Mütter hofften auf dich;

und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;

denn es ist hier kein Helfer.

Ich bin ausgeschüttet wie Wasser,

mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.

Aber du, Herr, sei nicht ferne;

meine Stärke, eile, mir zu helfen!

Amen.

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen an diesem Karfreitag. – Auch dieser Tag hat eine gute Botschaft. Sie lautet zwar nicht „Alles wird wieder gut“, aber sie lautet ganz tröstlich: „Ich bin da“.

Ihre Pfarrerin Almuth Koch-Torjuul